06 - 12 Uhr

Der Samstag in Berlin

10 Fragen und Antworten rund um den Köpenicker Stromausfall

Kann das auch nochmal passieren?

kopenick

31 Stunden ohne Strom. Für 30.000 Haushalte in und um Köpenick wurde das, was man sonst nur aus Romanen, Filmen, anderen Zeiten kennt, bittere Realität. Nicht nur von seiner Ausdehnung her, sondern vor allem der Dauer war es der massivste Stromausfall, den Berlin seit Kriegsende erlebte.

Natürlich wirft ein solches Ereignis viele Fragen auf. Die zehn wichtigsten haben wir zusammengetragen und beantwortet.

1. Was genau ist da passiert?

Am Dienstag, 19. Februar, 14:10 Uhr war eine Baufirma an der nördlichen Rampe der Salvador-Allende-Brücke beschäftigt. Genauer gesagt ging es darum, in einem Graben eine Spundwand zu befestigen. Um sie zu fixieren, waren waagerechte Haltebohrungen im Erdreich nötig.

Dabei traf der Bohrer nacheinander zwei 110.000-Volt-Starkstromleitungen, die an dieser Stelle vergraben waren. Beide im Besitz von Vattenfall bzw. der dazugehörigen Firma Stromnetz Berlin. Die Leitungen wurden größtenteils durchtrennt, der Stromfluss war unterbrochen.

2. Wie konnte sowas passieren?

Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand hatte die ausführende Firma entweder:

  • Kein Kartenmaterial mit den Leitungen zur Verfügung
  • Veraltetes Kartenmaterial, das den Verlauf der Leitungen vor der Umlegung vor einigen Jahren abbildete
  • Zuvor keine Anfrage beim Netzbetreiber bezüglich der Lage gestellt Klarere Antworten sind derzeit noch nicht drin, da die Beteiligten sich gegenseitig die Schuld zuweisen.

3. Gibt es denn keine Reserveleitungen, die sowas verhindern sollten?

In der Tat gibt es die, auch hier. Bloß war es in diesem Fall situationsbedingtes „Pech“. Denn die beiden Leitungen, die angebohrt wurden, waren die Haupt- und die Reserveleitung, die hier aufgrund des Flaschenhalses Brücke relativ dicht, aber doch in gewisser Entfernung, vergraben waren.

4. Sollte eine solche Reserveleitung nicht weit weg installiert sein?

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Jein. Um das zu erklären, muss man wissen, wie das Netz der Leitungen in Deutschland aufgebaut ist. Hier ging es um 110kV-Hochspannung, also die zweithöchste Stufe nach 380.000 Volt. Dieses Leitungsnetz ist ob seines Durchmessers aus technischen und monetären Gründen nicht so großflächig verteilbar wie eine normale 220-Volt-Hausleitung. In diesem Fall war zwischen den beiden Kabeln genug Raum, sodass „nach Stand von Wissenschaft und Technik“ sowie unter Einbeziehung der für Arbeiten mit solchem Risikopotenzial vorgeschriebenen Schutzprozeduren kein Doppelschaden vorstellbar war.

Und bislang bestätigte sich ja auch tausendfach, dass das Prinzip stimmt. 110kV-Leitungen werden extrem selten beschädigt, weil hier bestimmte Schritte eingehalten werden müssen. Und obwohl Reserveleitungen praktisch überall in der Nähe liegen (nicht nur an der Allende-Brücke) ist diese Situation doch bislang fast einzigartig.

5. Warum müssen solche Leitungen überhaupt unterirdisch verlegt werden?

Weil dies gerade in einer dichtbebauten Zone wie Berlin praktisch gar nicht anders möglich ist. Flugzonen, landschaftliche Gegebenheiten, Höhe des Gebäudebestandes usw. würden es enorm schwer und teuer machen, die Leitungen an Masten zu führen – zumal sich dagegen erwartungsgemäß viel Bevölkerungswiderstand erheben würde.

Das wird klarer, wenn man sich den 110kV-Verlauf auf der Karte anschaut. Die Köpenicker Leitung kommt von Karlshorst in Richtung Südosten, schlägt dann auf der Brücke eine Südrichtung ein, um dann etwas nördlich der langen Brücke wieder nach Nordwesten zu verlaufen. Hier verstärkt überirdisch zu bauen, würde schlicht nicht funktionieren – zumindest nicht zu vertretbaren Kosten.

6. Wer bezahlt die Geschädigten?

Das hat unser Verbraucherexperte Ron Perduss bereits skizziert: Erster Ansprechpartner für Betroffene ist Stromnetz Berlin. Dorthin sollte man sich sowieso wenden, denn es gibt für alle Stromausfälle über drei Stunden pauschal 20 Euro Entschädigung pro Haushalt. Möglich ist auch, dass Stromnetz Berlin etwa mangels Kühlung vergammelte Lebensmittel erstattet. Aber: Es ist zu erwarten, dass sie den eigentlichen Verursacher dafür in Regress nehmen.

Bedeutet, die ausführende Baufirma bzw. ihre Betriebshaftpflichtversicherung muss dann das Portemonnaie öffnen. Dazu müssen aber erst mal die Ermittlungen abgeschlossen sein.

7. Kann sowas nochmal passieren?

Es müssten schon sehr viele Zufälle und Versäumnisse abermals in einer solchen Konstellation aufeinandertreffen. Normalerweise konsultieren Planungsbüros, Baufirmen, beauftragende Kommunen usw. unabhängig voneinander die bekannten Netzpläne. Usus ist auch, dass vor Arbeitsbeginn der zuständige Netzbetreiber verständigt wird bzw. man dort in Form einer Trassen-Auskunft nach Änderungen fragt, die eventuell noch nicht in die Pläne Einzug gefunden haben.

8. Wäre auch ein großflächigerer Stromausfall denkbar?

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An diesem Punkt muss man Antworten vorsichtig formulieren, denn andernfalls gerät man schnell ins Fahrwasser unseriöser Schwarzmalerei.

Fakt ist, dass unser Stromnetz – jedes Stromnetz – darauf aufbaut, dass jederzeit haargenau so viel erzeugt wie verbraucht wird. Das kann man sich wie einen Wasserhahn vorstellen, von dem zehn Schläuche abgehen. Knickt man einen davon, steigt auf den verbliebenen neun automatisch der Druck.

Wenn ein Kraftwerk oder eine Umspannstation einen so erhöhten „Druck“ misst, geschieht ein sogenannter Lastabwurf. Der betroffene Teil wird automatisch vom Stromnetz getrennt. Das stellt sicher, dass keine Schäden durch Überlastung entstehen. Nun wurde bereits aufgezeichnet, wie viel schiefgehen muss, damit überhaupt eine Hochspannungsleitung samt Reserveleitung zerstört wird. Und es müsste technisch noch mehr schiefgehen, damit gleichzeitig auch in einem Umspannwerk der Lastabwurf nicht funktioniert und ein noch größeres Areal stromlos wird.

Nur dann könnten so viele Schäden auftreten, die alle behoben werden müssten, bevor das Netz wieder zusammengeschaltet werden kann.

Deshalb: Theoretisch denkbar, praktisch höchst unwahrscheinlich.

9. Wäre auch ein zeitlich längerer Stromausfall denkbar?

Diese Frage ist anders gelagert, deshalb sieht auch hier die Antwort anders aus. Bei der Köpenicker Brücke bestand das Problem, dass es vor Ort sehr schwierig war, an die Leitungen heranzukommen.

Das war der Hauptgrund dafür, dass es überhaupt 31 Stunden dauerte. Und natürlich ist es durchaus möglich, dass, wenn ein solcher Schaden anderswo an einer noch ungünstigeren Stelle auftritt, ein Stromausfall noch länger dauert.

Vor einigen Jahren sorgte ein strenger Winter dafür, dass in Deutschland tausende Strommasten brachen (übrigens ein weiteres Argument für unterirdische Verlegung). Bis Reparaturtrupps alles geflickt hatten, vergingen Wochen.

Das ist auch ein Grund für den Netzausbau: Dadurch sollen auch mehr Querverbindungen entstehen, damit zumindest im Höchstspannungsbereich (380kV) immer Reserven vorhanden sind.

10. Was sollte ich künftig im Haus haben?

Man muss nicht zum Untergangs-erwartenden Prepper werden, der im Keller Trockenbohnen und Reis für zwei Jahre lagert. Das wäre sicherlich viel zu viel der Vorbereitung. Aber eine der Lehren für viele Bewohner Köpenicks war sicherlich, dass es ihnen an vielem mangelte. Folgende Dinge sollte man deshalb immer zuhause haben, sie kosten nicht viel und sind sehr lange lagerfähig:

  1. Zehn dicke, hohe Stumpenkerzen. Sie spenden nicht nur Licht, sondern auch Wärme. Feuerzeuge nicht vergessen.
  2. Eine LED-Taschenlampe, die mittels Kurbel mit Strom versorgt wird.
  3. Ein Eimer mit dichtschließendem Deckel und ein Sack Katzenstreu, falls durch einen Stromausfall abermals die Wasserversorgung eingeschränkt wird und die Toilettenspülungen nicht funktionieren.
  4. Ein batteriebetriebenes Radio und ausreichende Mengen Batterien. In Köpenick zeigte sich schmerzlich, dass viele Menschen zu sehr aufs Handy vertrauen. Viele Meldungen der Rettungskräfte kamen nicht an, weil so wenige netzunabhängige Radios besitzen.
  5. Ein Gas-Campingkocher mit drei, vier Kartuschen. Sind diese nicht angestochen, können sie viele Jahre lang gelagert werden.
  6. Für die Raucher: Ein Päckchen Tabak und Blättchen. Ist ökonomischer als fertige Zigaretten und man gerät auch weniger in Versuchung, sie zwischendurch zu rauchen.
  7. Kühlakkus, die man einfach immer in der Gefriertruhe lagert. Toll fürs Sommer-Grillen, aber verlängert auch bei Stromausfällen die Kühldauer um einige Stunden.
  8. Ein 1,5-Liter-Flaschen Sixpack stilles Wasser pro Haushaltsbewohner. Dunkel und kühl gelagert ist das Mindesthaltbarkeitsdatum darauf nur eine Zahl.
  9. Einige Lebensmittel, die nur Wasser zur Zubereitung benötigen. Etwa Tütensuppen, Instantnudeln usw.
  10. Pro Mitbewohner eine Rettungsdecke. Die plus eine warme Decke reicht schon völlig aus, damit man auf Wohlfühltemperatur bleibt. Wenn man das alles hat, kann man dem nächsten Stromausfall – so unwahrscheinlich er sein mag – ziemlich gelassen entgegensehen.

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