Stromausfall im Südwesten Berlins
Zehntausende Menschen sind weiterhin ohne Strom. Krisenexperte Albrecht Broemme ordnet Ursachen, Risiken und Lehren ein. Interview beim Berliner Rundfunk 91.4.
Zehntausende Menschen sind weiterhin ohne Strom. Krisenexperte Albrecht Broemme ordnet Ursachen, Risiken und Lehren ein. Interview beim Berliner Rundfunk 91.4.
Ein großflächiger Stromausfall betrifft weiterhin den Südwesten Berlins. Auch mehrere Tage nach dem ersten Ausfall sind zehntausende Menschen noch immer ohne Strom. Haushalte, Geschäfte und Einrichtungen sind weiterhin eingeschränkt, die vollständige Wiederherstellung der Versorgung wird nach aktuellem Stand erst im Laufe des Donnerstags erwartet.
Für viele Berlinerinnen und Berliner stellen sich damit konkrete Fragen: Wie konnte es zu einem so weitreichenden Ausfall kommen? Wie belastbar ist die Stromversorgung einer Großstadt wie Berlin? Und wie gut ist die Stadt auf vergleichbare Situationen vorbereitet?
Um diese Fragen einzuordnen, hat Simone Panteleit für den Berliner Rundfunk 91.4 mit Albrecht Broemme gesprochen. Der frühere Präsident des Technischen Hilfswerks verfügt über jahrzehntelange Erfahrung im Katastrophen- und Krisenmanagement und ordnet den aktuellen Stromausfall sachlich ein – ohne Alarmismus, aber mit klaren Einschätzungen.
Albrecht Broemme sagt, er sei überrascht gewesen, dass es nach dem Stromausfall in Köpenick bereits nach einem halben Jahr erneut zu einem ähnlichen Vorfall gekommen ist – diesmal in einem anderen Teil Berlins. Gleichzeitig sei ihm sofort klar gewesen, dass es länger dauern würde, bis der Strom wieder vollständig fließt.
Broemme erklärt, dass die Digitalisierung zwar Vorteile habe, die Transparenz von Informationen aber inzwischen ein Maß überschritten habe. Selbst interessierte Täter oder Laien könnten sich Daten beschaffen, die aus seiner Sicht nicht in öffentliche Hände gehören. Er beschreibt, dass es theoretisch möglich sei, durch gezielte Beschädigungen Berlin für längere Zeit lahmzulegen, und bewertet es als richtig, dass in Berlin der Katastrophenalarm ausgelöst wurde – obwohl nur ein kleiner Teil der Stadt betroffen war.
Eine zentrale Forderung Broemmes ist, nicht mehr sämtliche Stromleitungen und Verbindungswege detailliert online darzustellen. Zudem sollten besonders verletzliche Punkte des Netzes besser überwacht werden. Er hält moderne Formen der Videoüberwachung für sinnvoll, um frühzeitig erkennen zu können, wenn sich eine Gefährdung anbahnt.
Broemme betont, dass nun eine gründliche Auswertung notwendig sei: Was lässt sich aus diesem Stromausfall lernen, und hätte er kürzer sein können? Er hält das für eher unwahrscheinlich, da die Reparaturarbeiten sehr komplex seien. Als große Schwachstelle sieht er die Information der Bevölkerung, insbesondere wenn Betroffene ohne Strom auf Internetangebote verwiesen werden.
Insgesamt bewertet Broemme das Notfallmanagement als „gar nicht so übel“. Er weist jedoch darauf hin, dass Haustiere und besonders vulnerable Gruppen stark betroffen seien. Sein Appell lautet erneut: Nachbarn helfen Nachbarn – ein Grundsatz, der in Berlin aus seiner Erfahrung gut funktioniert.
Broemme zeigt sich zufrieden damit, dass Berlin Netz über eigene Entstörungstrupps verfügt, die das Netz gut kennen und entsprechend geschult sind. Dennoch dauerten die Arbeiten lange, da nur kleine Teams unter schwierigen Bedingungen arbeiten können. Die frühe Aussage, dass der Strom erst bis Donnerstag zurückkehren könne, hält er für ehrlich und kommunikativ richtig.
Broemme nennt konkrete Empfehlungen für Haushalte: batteriebetriebene oder kurbelbetriebene Taschenlampen und Radios, wichtige Dokumente griffbereit sowie Medikamente für etwa zehn Tage. Gerade bei Stromausfällen seien auch Apotheken betroffen, weshalb Vorsorge wichtig sei.
Albrecht Broemme war viele Jahre Präsident des Technischen Hilfswerks und leitete zuvor die Berliner Feuerwehr. In dieser Zeit verantwortete er zahlreiche Einsätze bei großen Schadenslagen und komplexen Krisensituationen. Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand wird er regelmäßig als Experte für Katastrophenschutz und Krisenmanagement gehört.
Der Stromausfall im Südwesten Berlins macht deutlich, wie abhängig der Alltag von funktionierender Infrastruktur ist. Die Einordnung von Albrecht Broemme zeigt zugleich, dass solche Situationen beherrschbar sind – wenn Vorbereitung, klare Abläufe und transparente Kommunikation zusammenkommen.
Für Berlin bedeutet das: Auch künftig wird es zu Störungen kommen können. Entscheidend ist, aus aktuellen Ereignissen zu lernen und notwendige Konsequenzen sachlich, vorausschauend und dauerhaft umzusetzen.