06 - 12 Uhr

Der Samstag in Berlin

30 Jahre Mauerfalljubiläum

Die Technik hinter der Grenze

Viel ist nicht mehr übrig von der einst bestgesichertsten Grenze der Welt. Und so haben selbst viele Berliner die Mauerdetails vergessen.

Große Ereignisse pflegen bekanntlich ihre Schatten vorauszuwerfen. Dass sich im November 2019 zum 30. Mal der Mauerfall jährt, zieht schon jetzt seine Spuren durch die Stadt. Erst wenige Tage ist es beispielsweise her, dass die Mauer-Gedenkstätte eine neue Fotoausstellung mit bislang unbekannten Impressionen eröffnete, die noch bis in den Juni hinein gezeigt wird.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Zeit, in der viele Berliner in Sachen Mauerwissen hinter die Touristen zurückfielen – denn wo die in Gedenkstätte und Co. tiefe Einblicke bekommen, wissen vor allem die jüngeren Stadtbewohner oft wenig mehr als „Mauer um Westberlin“. Zeit für ein kleines Wissens-Update frei von Politik und Ideologie, rein auf die Technik bezogen.

Am Anfang war Stacheldraht

Dass die Anfänge des Mauerbaus eine Nacht- und Nebel-Aktion waren, dürfte aus dem Geschichtsunterricht bekannt sein. Nicht nur ein sinnbildlicher Spruch: Die Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 war eine von Samstag auf Sonntag, die die Welt im Wochenende kalt erwischte.

Und vor allem unter der Prämisse, dass wir hier von einer ziemlichen Grenzlänge sprechen, nämlich:

  • 43,1 Kilometer zwischen Ost- und Westberlin
  • 111,9 Kilometer zwischen Westberlin und der DDR

muss man verstehen, dass jene erste Mauer sonntagsmorgens nicht mehr war als unzählige Stacheldrahtrollen, welche quer über die Straßen gelegt und dort bewacht wurden. Tatsächlich war das deshalb mehr eine Absichtserklärung, ein Statement, wenn man so will.

Zusammensuchen, was da ist

Wer die oben genannten Distanzen addiert hat, hat herausgefunden, dass wir von nicht weniger als 155 Kilometern sprechen, welche zu blockieren waren. Am Ende der DDR waren durch Verfeinerung daraus übrigens ca. 160 geworden.

Das war vor allem eine Herausforderung für die DDR-Bauindustrie. Denn bereits ab dem 15. August sollte begonnen werden, die Mauer zu befestigen. Sprich:

  • Im ersten Schritt sollten die 192 Straßen und Fußwege, die nach Westberlin hineinführten, vermauert werden. Dazu kamen hauptsächlich Hohlblocksteine zum Einsatz, wie sie auch beim Hausbau verwendet wurden. Teils wurden auch größere Betonelemente aufgestellt.
  • Gleichzeitig wurden Fenster, Türen usw. von Häusern, die auf der Grenze standen, nach Westen zugemauert. Dafür wurde verwendet, was verfügbar war
  • Gleise für Züge, S- und U-Bahn wurden zunächst blockiert, danach teils demontiert und vor allem Tunnel zugemauert.

Diese, als erste Generation bezeichnete Mauer war dementsprechend, als sie Anfang 1962 fertiggestellt war, eher ein Flickenteppich. Ihre Unüberwindlichkeit resultierte damals aus den vielen tausend Polizisten, Soldaten, Angehörigen von Betriebskampfgruppen usw., welche weiterhin patrouillierten.

Ein Perpetuum Bauwerk

Nach Westen sollte die Mauer (hier 1980) vor allem optisch abschreckend wirken.

Möglichst wenig Personalbindung für die Bewachung, eine trotz unterschiedlicher geographischer Gegebenheiten rings um die Stadt einheitliche Sicherheit. Unter diesen Vorzeichen war die Mauer während ihrer gesamten Lebenszeit eine ingenieurstechnische Herausforderung. So verwundert es nicht, dass sie immerwährenden Änderungen unterlag.

  • Ab Juni 1962 begann man, die sogenannte Hinterlandmauer zu errichten. Sie bestand aus flachen Betonfertigelementen, teils auch Metallzaun und war für DDR-Bürger die eigentliche Grenze nach Westberlin. Diese Mauerteile sind auch das, was in der East-Side-Gallery noch sichtbar ist.
  • Ab 1965 wurde die vordere Flickwerk-Mauer Stück für Stück gegen ein einheitliches Bild, bestehend aus gut drei Meter hohen Mauerplatten, oben gekrönt von einem Betonrohr als Überkletterschutz, ausgetauscht.
  • Ab 1975 begann der Bau der „Sperrmauer-75“. Sie bestand aus dem sogenannten Stützwandelement UL 12.41 bzw. 12.11, welche einfach aufzustellen, witterungsbeständig und dank 3,60 Meter Höhe samt Betonrohr kaum zu überklettern waren.

Dieser Ausbau der letzten Generation zog sich bis in die späten 1980er; Grund war auch, dass der Austausch Bauindustrie-Ressourcen band – auch wenn bei der Konstruktion darauf geachtet worden war, dass die Grenztruppen die Elemente allein austauschen konnten.

Wie sicher war die Mauer eigentlich?

Das „Stützwandelement UL 12.41“ bekamen die wenigsten DDR-Bürger zu sehen, auch wenn es in westlichen Köpfen für „Die Mauer“ stand.

In den Köpfen der meisten Berliner, erst recht derjenigen, die sie live erlebt haben (egal von welcher Seite aus) steht die Mauer für ein unüberwindliches Bollwerk, perfekt durchdacht.

Doch stellt sich, vor allem angesichts der insgesamt 5075 erfolgreichen Fluchten über die Berliner Mauer, ohne innerdeutsche Grenze, die Frage, wie sicher das Bauwerk wirklich war.

Dazu muss zunächst gesagt sein, dass ein Großteil der erfolgreichen Fluchtversuche vor allem in den Anfangstagen stattfand. Als die Mauer geschlossen war, sank die Zahl erfolgreicher Fluchten auf ein alljährliches Rinnsal einiger Dutzend Menschen ab – wobei 1987 und -88, als die Sperrmauer-75 vollständig war, gar keine Fluchten registriert wurden. Das hatte unterschiedliche Gründe:

  1. Es wurde Stahl in hoher Güte verarbeitet. Die Herstellung und Eigenschaften dieses Metalls sorgten und sorgen dafür, dass es eine hohe Zähigkeit aufweist und selbst bei schweren Belastungen nicht direkt reißt oder bricht. Darauf setzte nicht nur die Hinterlandmauer, sondern auch die diversen Fahrzeugsperren, Unterwassergitter usw.

  2. Der zwischen 50 und 150 Meter breite Streifen zwischen Hinterland- und vorderer Mauer war nicht leer, sondern durch ein System (siehe nächstes Kapitel) in eine mehrschichtige Hinderniszone eingeteilt.

  3. Für die vordere Mauer wurde Beton der Güteklasse B300 verwendet. Eine enorm stabile Mischung, welche pro Quadratmillimeter Druckkräfte von 20 Newton aufnehmen kann – selbst für rammende LKW beinahe unüberwindlich.

Dabei muss man bedenken, dass allein Aufstellung und Wartung der Berliner Mauer insgesamt mehrere hundert Millionen DDR-Mark kostete. In diesem Sinne gilt deshalb: Sicher ja, aber zu einem volkswirtschaftlich hohen Preis, der mutmaßlich höher als das lag, was der DDR pro Geflüchtetem an wirtschaftlichem Potenzial (Arbeitskraft, Steuerertrag usw.) entgangen wäre.

Das System Mauer

Die äußere Mauer legte einen Fokus darauf, nicht überklettert werden zu können. Tatsächlich richtete sich dieses Hindernis vor allem gegen Westberliner. Für DDR-Bürger begann die Mauer wie erwähnt bereits 50 bis 150 Meter zuvor. Bis zur eigentlichen Mauer schafften es nur wenige, denn das System war ausgeklügelt. Ende der 1980er sah es (vonseiten der DDR bzw. Ostberlins gesehen) folgendermaßen aus:

  1. Rot-weißes Warngeländer „Achtung Grenze“
  2. Hinterlandmauer
  3. Schmaler Grasstreifen
  4. Berührungsempfindlicher Signalzaun mit im Boden eingelassenen Betonbohlen zum Schutz vor Untergraben
  5. Flächensperren aus auf dem Boden liegenden Metallgittermatten mit engstehenden, ca. 20cm hohen Metalldornen.
  6. Spanische Reiter aus verschweißten und in die Erde eingelassenen Stahlträgern als Fahrzeughindernis
  7. Beobachtungstürme, Bunker und Führungsstellen (Insgesamt 353, also statistisch ein Bewachungselement alle 450 Meter)
  8. Lichtmasten (insgesamt mehrere tausend, sodass die gesamte Mauer bei Nacht durchgängig beleuchtet war)
  9. Gepflasterter/Asphaltierter Postenweg für patrouillierende Fahrzeuge/Wachen zu Fuß.
  10. Mit Sand bedeckter, flachgeharkter und ständig von Unkraut befreiter Spurensicherungsstreifen zur Entdeckung von Fußabdrücken
  11. Nach Westen gerichteter Graben als Schutz gegen Fahrzeuge
  12. Sperrmauer und eigentliche Staatsgrenze

Dies war die „Maximalausführung“. Sie war nicht an jeder Stelle der Mauer so vorhanden, je nach Grenzstreifentiefe, bestimmt durch die lokalen Gegebenheiten, fehlte auch vieles. Immer war jedoch sichergestellt, dass vor allem von DDR-Seite niemand, der nicht zu den Grenzwächtern zählte, wirklich Einsicht in die verschiedenen Sperrmaßnahmen hatte.

Der Abriss

Im kollektiven Gedächtnis erhalten sind vor allem jene „Mauerspechte“, die in den Tagen und Nächten nach dem 9. November mit Hämmern der vorderen Mauer zu Leibe rückten. Tatsächlich zeigen jedoch die damaligen Aufnahmen schon eines: B300-Beton kann man kaum händisch zerlegen.

Der wirkliche Abriss der Mauer war deshalb ein viel größeres Projekt, welches zwischen Juni und November 1990 ablief. Damals wurde extra eine „Arbeitsgemeinschaft Recycling Grenzanlagen“ unter der Leitung des DDR-Bauingenieurs Karl-Heinz Goldschmidt gegründet.

Und was passierte mit der Mauer? Nun, Millionen wurden mit dem weitgehend ungesteuerten Verkauf der Mauer-Betonbrocken gemacht.

Ein Großteil des Betons wurde geschreddert und fand im Straßenbau Verwendung. Eisen und Stahl gingen indes den Weg, den auch jedes Schrottauto, ja sogar die Reste des Palasts der Republik gingen: Sie wurden in Stahlwerken als wertvoller Rohrstoff für neue Stahlwaren eingeschmolzen.

Und so findet sich der DDR-Stahl heute nicht nur in Dubais „Burj Khalifa“, sondern dürfte auch weltweit in unzähligen Punkten verbaut sein – ein deutlich besserer Job als die Ursprungsverwendung.

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